Mit der «Schwammstadt» Starkregen, Hitze und Trockenheit vorbeugen

Schwammstadtquartier mit Versickerungsgraben und erhöhten Erdgeschossen und Gebäudeöffnungen (Foto von Théo Gardiol, Kanton Genf)

Schon heute leiden viele unserer Städte und Agglomerationen unter sommerlicher Hitze, Wasserknappheit in längeren Trockenphasen und Überschwemmungen bei Starkregen. Hitzetage (≥ 30 °C) und Tropennächte (≥ 20 °C) belasten die Gesundheit und die Lebensqualität. Gemäss den Klimaszenarien CH2018 werden Hitzewellen und anhaltende Trockenheit im Sommer aber auch Starkregen bereits in den kommenden Jahrzehnten wesentlich häufiger und intensiver. Im Status quo ist die Schweiz ungenügend an die Auswirkungen des Klimawandels angepasst: Asphalt, Beton, Stahl und Glas heizen Strassen und Gebäude im Sommer unnötig auf, versiegelte Flächen lassen Regenwasser nicht versickern und verschärfen das Überschwemmungsrisiko durch Oberflächenabfluss und Kanalisationsrückstau. Städte und Gemeinden, Planer und viele weitere Akteure stehen in der Verantwortung, sich für einen nachhaltigen Umgang mit Regenwasser einzusetzen. Eine aktive Bewirtschaftung des Regenwassers gehört zum klimaangepassten Planen und Bauen - damit unser Siedlungsraum auch in Zukunft sicher und lebenswert bleibt.

Mehr Resilienz gegen Wetterextreme

Naturgefahrenprävention bedingt auch Klimaschutz und Klimaanpassung. Die in den letzten Jahren und im Sommer 2021 besonders hohen Schäden infolge Hagel, Sturm und Überschwemmungen verdeutlichen den Handlungsbedarf. Die Gefährdungskarte Oberflächenabfluss und die Schadenstatistiken der Kantonalen Gebäudeversicherungen zeigen: Zwei von drei Gebäuden sind bei Starkregen potentiell gefährdet und jeder zweite Überschwemmungsschaden ist auf Oberflächenabfluss zurück zu führen. Die klimabedingte Verschärfung der Starkregengefahr birgt deshalb erhebliche Risiken. Gebäude und Infrastrukturanlagen müssen widerstandsfähiger werden. Dazu formuliert u.a. die Baunorm SIA 261/1 klare Schutzzielvorgaben, wonach z. B. ein Wohnhaus eine 300-jährliche Überschwemmung unbeschadet überstehen muss. Weitere Informationen zu den Schutzzielen gemäss den Tragwerksnormen SIA 261 und SIA 261/1 finden Sie hier.

Schutz vor Starkregen und Oberflächenabfluss

Beim Gebäudeschutz vor Starkregen stehen planerische, bauliche und technische Massnahmen sowie Nutzungsanpassungen im Vordergrund. Für organisatorische Notfallmassnahmen fehlt die erforderliche Vorwarn- und Reaktionszeit. Sämtliche Gebäudeöffnungen im potentiell überschwemmungsgefährdeten Bereich müssen permanent geschützt sein, wobei man auch Lüftungsöffnungen oder Leitungsdurchführungen nicht vergessen darf. Im Grundsatz braucht es eine weitsichtige und risikoorientierte Planung mit Fokus auf die gesamte Lebensdauer des Gebäudes. Werden bereits zu Beginn der Planung klare Ziele formuliert, die beabsichtigten Nutzungen geklärt und mögliche Risiken erkannt, können im interdisziplinären Diskurs robuste Lösungen entstehen. Zielführend sind beispielsweise die erhöhte Anordnung des Erdgeschosses und der Zugänge in Kombination mit einer Umgebungsgestaltung, die den Wasserabfluss gezielt um die Gebäude herumleitet. Deshalb ist der Blick über Parzellengrenzen hinweg für das integrale Regenwassermanagement zentral: Wo kommt das Wasser her? Wo kann es versickern oder sich aufstauen? Wo fliesst es weiter?

Die «Schwammstadt»

Ein naturnah gestalteter Spielplatz mit sickerfähigem Untergrund und Begrünung (Foto: Stefan Hasler, VSA)

Das Konzept «Schwammstadt» ist bestechend einfach und bringt die Themen Klimaanpassung, Naturgefahrenprävention, Biodiversität und Lebensqualität unter einen Hut: Auch urbane Räume sollen ähnlich einem Schwamm möglichst viel Wasser aufnehmen und zwischenspeichern können, damit dieses während Trockenperioden für die Pflanzen zur Verfügung steht und über Verdunstung die Umgebungsluft abkühlt. Der Effekt gleicht einer «natürlichen Klimaanlage für die Strassen» und ist deshalb ein Schlüssel der modernen Stadtplanung zur Bekämpfung von Hitzeinseln. Die höchste Verdunstungsleistung erreichen grosse, alte Bäume bei uneingeschränkter Verfügbarkeit von Wasser, hohen Lufttemperaturen und geringer Luftfeuchtigkeit, was den Kühlungsmechanismus automatisch reguliert. Die Kernelelemente der «Schwammstadt» sind sickerfähige Flächen und viel Freiraum im Untergrund für den Wasserrückhalt und die Wurzeln grosser Stadtbäume.

Integrales Regenwassermanagement

An der Giessereistrasse in Zürich fliesst das Regenwasser nur noch im Winter in die Kanalisation, wenn Streusalz zum Einsatz kommt. Sonst wird es in den angrenzenden Vegetationsbereich umgeleitet. (Foto: Paul Sicher, VSA)

Regenwasser kann beispielsweise auf begrünten Flachdächern, in Gärten und auf unversiegelten Plätzen versickern. Je mehr Wasser lokal zwischengespeichert und über Begrünung wieder an die Umgebungsluft abgegeben werden kann, umso besser. Die Kombination all dieser Massnahmen reduziert bei Starkregen den Eintrag in die Kanalisation und das Risiko eines Rückstaus. Doch die Herstellung grosser Speichervolumen im Untergrund bei gleichzeitig hoher Belastbarkeit des Bodens und langfristiger Verfügbarkeit von Nährstoffen für Pflanzen ist ein Novum. Denn traditionell hatte man im Tiefbau stets versucht, Wasser und Wurzeln von Bauwerken und Leitungen fernzuhalten – ein Paradigmenwechsel also für die Schaffung «blau-grüner Infrastrukturen». Verschiedenste Pionierbeispiele wie z. B. die Giessereistrasse in Zürich beweisen die Praxistauglichkeit. Damit das Konzept der Schwammstadt zum Erfolg wird, müssen die Stadt- und Verkehrsentwicklung gut mit der generellen Entwässerungsplanung (GEP) und dem Hochwasserschutz koordiniert werden. Dass dabei stets auch der Überlastfall bei Starkregen bewusst mitgedacht wird, dürfte zu robusteren Planungen und zur allgemeinen Sensibilisierung für Naturgefahren beitragen.

Naturgefahren-Check
Nationale Schutzziele

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