Lawinen

Von Lawine zerstörtes Gebäude mit teilweise eingestrützem Dach

Lawinen können ganze Wälder und auch massiv gebaute Infrastruktur mitreissen oder beschädigen. Im Anriss- und Transitgebiet (Sturzbahn) gewinnt die Lawine an Geschwindigkeit und auch an Masse und Volumen, bis sie im Ablagerungsgebiet zum Stillstand kommt. Gebäude stehen in der Regel eher im Auslaufbereich von Lawinen, wo die Fliessgeschwindigkeiten durch das abflachende Terrain und die seitliche Ausbreitung geringer sind. Doch selbst bei geringen Fliesshöhen von wenigen Metern haben Lawinen noch immer eine immense Zerstörungskraft, besonders wenn sie zusätzlich Feststoffe wie Baumstämme mitführen. Der Umgang mit Lawinen hat im Bergland Schweiz eine lange Tradition und massgeblich zur Entwicklung der ersten Gefahrenkarten und zu einem risikogerechten Umgang mit Naturgefahren beigetragen.

Der Wirkungsbereich von Lawinen lässt sich eingrenzen: räumlich durch das Gelände und Schutzbauwerke, zeitlich aufgrund der Schnee- und Wettersituation (Lawinenbulletin SLF). Zum Schutz von Personen, Verkehrswegen und Gebäuden ist deshalb eine Kombination aus raumplanerischen, baulichen und organisatorischen Massnahmen besonders wirksam.

Grundlagen

Schutzziel

Die nationalen Schutzziele für Neubauten beziehen sich auf die Norm SIA 261/1. Diese Norm legt das 300-jährliche Ereignis fest als Schutzziel für normale Wohn- und Gewerbegebäude (BWK I) gegen gravitative Naturgefahren (Hochwasser, Erdrutsch, Murgang, Steinschlag, Lawine). Zudem sind die kantonalen und kommunalen Vorgaben zu respektieren, wobei diese die Anforderungen der Norm SIA 261/1 in der Regel nicht übersteigen. Konkret muss das Gebäude auch bei seltenen Ereignissen (300-jährlich) intakt bleiben und die sich darin befindenden Personen schützen.

Ab Bauwerksklasse II sind höhere Anforderungen zu erfüllen (Bedeutungsbeiwerte und Höhenzuschläge gemäss SIA 261/1).

Fachbegriffe

Lawinen werden aufgrund der Form ihres Anrisses, ihrer Bewegung und der Schneeeigenschaften unterschieden. Von einem Punkt ausgehende Lawinen werden als Lockerschneelawinen bezeichnet. Diese lösen sich meist erst ab ca. 40° Hangneigung. Am häufigsten und bereits in Hängen ab ca. 30° Neigung treten Schneebrettlawinen auf, für welche ein linienförmiger Anriss und ein sehr plötzliches Losbrechen auf einer klar definierten Gleitschicht charakteristisch sind. Befindet sich diese Gleitschicht direkt an der Bodenoberfläche, spricht man auch von Boden- oder Grundlawinen. Für die Bemessung von Schutzmassnahmen besonders relevant ist der Bewegungsmechanismus, mit dem die Schnee- und Eismassen ins Tal gleiten, fallen oder stürzen. Dabei wird zwischen Fliesslawinen und Staublawinen unterschieden, wobei es auch Mischformen gibt. Fliess- und Staublawinen können gleichzeitig auftreten und jede grössere Lawine kann Feststoffe wie Holz, Geröll oder andere mitgerissene Objekte mit sich führen.

Fliesslawinen bewegen sich primär fliessend oder gleitend auf der Unterlage (Schneeschicht oder Bodenoberfläche) und bleiben während der Bewegung mit dem Boden direkt in Kontakt. Fliesslawinen erreichen maximale Geschwindigkeiten von bis zu 40 m/s und haben eine typische Dichte von 200‑300 kg/m3. Bei Nassschneelawinen liegen die Geschwindigkeiten zwischen 10 und 20 m/s, die Dichte um 300-500 kg/m3. Im Auslaufbereich haben Fliesslawinen eine typische Fliesshöhe von 2-10 m und Geschwindigkeiten unter 10 m/s. Die dadurch entstehenden Staudrücke können Gebäude zerstören.

Staublawinen entwickeln sich immer aus Fliesslawinen. Sie gleichen einer aufgewirbelten, trockenen Schneewolke, die sich mit 20 bis 80 m/s stiebend durch die Luft bewegt. Staublawinen bestehen aus einer bodennahen Saltationsschicht (mit einer fluidisierten Fliesslawine vergleichbar) und einer Suspensionsschicht (aufgewirbelte Schneewolke). Die Dichte der Suspensionsschicht ist viel geringer und die Fliesshöhe grösser als bei einer Fliesslawine. Selbst bei Gegengefälle können Staublawinen noch auf grossen Strecken Schaden anrichten. Der erzeugte Staudruck vermag Bäume und Leitungsmasten zu knicken und Fenster und Dächer von Gebäuden schwer zu beschädigen. An der Gebäudefassade bleibt der angepresste Schneestaub sichtbar. Staublawinen erreichen im Auslaufbereich oft Fliesshöhen von mehr als 50 m. In den untersten 5 m führen sie zum Teil Schneebrocken mit. In dieser sogenannten Saltationsschicht treten ähnliche Kräfte auf wie in einer Fliesslawine, darüber sind sie deutlich geringer.

Schneedruck entsteht durch das Gleiten und Kriechen der Schneedecke an Hängen. Dieser ist in der Regel ab einer Hangneigung von mindestens 25° zu berücksichtigen, insbesondere an stark besonnten Böschungen mit geringer Bodenrauigkeit. Es handelt sich um langsame und anhaltende Bewegungen der Schneedecke. Eine grössere Hangneigung, vernässter Untergrund, grosse Schneehöhen und langanhaltende Wärmeperioden verstärken die Kriech- und Gleitbewegungen. Typisch für hohe Schneegleitaktivität ist ein sichelförmiges Aufreissen der Schneedecke (sog. „Fischmaul“) sowie ein Stauchwall am Hangfuss. Eine abgleitende Schneedecke kann grosse Druck- und Scherkräfte auf Hindernisse ausüben.

Die Einwirkungen infolge Schneelast auf Gebäude sind in der Norm SIA 261 im Kapitel Schnee geregelt.

Weitere Fachbegriffe

  • Die Schneehöhe beschreibt die Höhe der Schneedecke.
  • Die Fliesshöhe entspricht der Höhe, mit der sich die Lawine bewegt.
  • Die Stauhöhe gibt an, wie hoch der Schnee beim Anprall der Lawine steht (Aufstau an Hindernis).
  • Die Dichte (Raumlast) von Schnee ist innerhalb der Schneedecke unterschiedlich und nimmt in der Regel mit der Liegedauer zu (Altschnee hat eine 2-5 Mal höhere Dichte als trockener Neuschnee).
  • Der Staudruck (dynamischer Druck) entspricht der Erhöhung des Drucks an der angeströmten Fläche eines Hindernisses.
  • Als Ebenhöch werden Gebäude genannt, deren Dach bergseits nahtlos ans Terrain oder an eine Anschüttung anschliesst.

Intensitätsparameter zur Bemessung

Fliess- und Staublawinen können mit Lawinenmodellen simuliert werden. Hierzu stehen heute ein- und zweidimensionale Lawinenberechnungsmodelle zur Verfügung. Für die Bestimmung der Einwirkungen und für die Bemessung von Objektschutzmassnahmen sind Angaben zur Lawinenart, Fliesshöhe, -Geschwindigkeit und -Richtung sowie der Dichte der Lawine erforderlich.

Bei Staublawinen genügt als Bemessungskriterium ein Richtwert bezüglich des zu erwartenden Staudrucks. Diese Angaben können aus den Intensitätskarten und dem technischen Bericht abgeleitet werden. Die Intensitätsstufen geben einen ersten Hinweis über den an einem spezifischen Standort zu erwartenden Lawinendruck qfn,k. Existieren keine Intensitätsangaben, sind diese durch eine Lawinenfachperson zu bestimmen.

Intensitätsstufen von Lawinen

Intensitätsstufen von Lawinen

Starke Intensität

qfn,k > 30 kN/m2

Mittlere Intensität

3 kN/m2 > qfn,k ≤ 30 kN/m2

Schwache Intensität

qfn,k ≤ 3 kN/m2

Intensität von Fliess- und Staublawinen in Gefahrenzonen
Lawinendrücke und Druckverteilung in Bezug auf rote, blaue und gelbe Gefahrenzonen
Druckverteilung von Fliess- und Staublawinen in Gefahrenzonen
Lawinendrücke und Druckverteilung in Bezug auf rote, blaue und gelbe Gefahrenzonen
Ausgangsgrössen
Symbol / Einheit

Bezeichnung ­

A [m2]

Fläche

Ak [kN/m2]

Statische Ersatzkraft bei Anprall
b [m] Breite

cd ­

Widerstandsbeiwert

g [m/s2]

Erdbeschleunigung (10 m/s2)
h [m] Dicke der Stahlbetonwand

hf [m]

Fliesshöhe

hg [m]

Gebäudehöhe

hn [m]

Schneehöhe

hsalt [m]

Höhe der Saltationsschicht der Staublawine

hstau [m]

Stauhöhe am Hindernis

hsusp [m]

Höhe der Suspensionsschicht der Staublawine

kT ­

Gleitbeiwert

kφ ­

Kriechbeiwert

Λ ­

Energieumwandlungskonstante
l [m] Spannweite der Stahlbetonwand

lgw [m]

Länge der Gebäudewand
m [t] Masse

qf,β [N/m2]

um den Ablenkwinkel β reduzierter hydrodynamischer Druck

qfn [N/m2]

Druck der Fliesslawine

qfn,k [N/m2]

Charakteristischer Wert des Drucks der Fliesslawine

qfr [N/m2]

Spezifische Reibung

qnk [N/m2]

charakteristischer Wert des Schneedrucks

qsalt [N/m2]

Druck der Saltationsschicht der Staublawine

qsusp [N/m2]

Druck der Suspensionsschicht der Staublawine

vf [m/s]

Fliessgeschwindigkeit

vsalt [m/s]

Geschwindigkeit der Saltationsschicht der Staublawine

vsusp [m/s]

Geschwindigkeit der Suspensionsschicht der Staublawine
α [°] Ablenkwinkel
β [°] Öffnungswinkel des Spaltkeils, Hangneigung

γf ­

Bedeutungsbeiwert

μfr ­

Reibungsbeiwert

ρf [kg/m3]

Dichte der Fliesslawine

ρfa [kg/m3]

Dichte der Feststoffablagerung

ρn [kg/m3]

Schneedichte

ρsusp [kg/m3]

Dichte der der Suspensionsschicht
Gefährdungsbilder

Gefährdungsbild 1: Fliesslawine prallt auf Bauwerk

Die Fliesslawine prallt an die Stirnseite eines Gebäudes und umfliesst es. Durch den Anprall entsteht eine Stauhöhe hstau, welche zusammen mit der Fliesshöhe hf und der natürlich abgelagerten Schneehöhe hn die Gebäudehöhe nicht überragt. Auf die Dachkonstruktion wird daher keine direkte Einwirkung ausgeübt. Der Druck qfn auf der Gebäudeaussenseite stellt die Haupteinwirkung dar. Diese wird durch die Gebäudeform, die Schneedichte und die Fliessgeschwindigkeit beeinflusst. Die Fliessgeschwindigkeit wird über die gesamte Fliesshöhe als konstant angenommen. Für die Seitenwände und alle schräg angeströmten Wände ist ein um den entsprechenden Zufliesswinkel α reduzierter Druck zu berücksichtigen, die sich bei einer Ablenkung der Schneemassen um α ± 20° gegenüber der Hauptfliessrichtung ergeben. Zusätzlich wirken Reibungskräfte (qf,r) auf diese Wände. Der Anprall von Feststoffen (Baumstämme oder Gesteinsblöcke) ist als statischer Ersatzdruck Ak zu berücksichtigen.

Eine Fliesslawine prallt auf ein Bauwerk und umfliesst dieses seitlich

Gefährdungsbild 2: Fliesslawine überfliesst Gebäude

Die Wirkungshöhe der Lawine (Schneehöhe hn, Fliesshöhe hf und Stauhöhe hstau) ist grösser als die Gebäudehöhe hg. Es sind sowohl Drücke qf auf die Wände als auch auf vorspringende Dachbereiche von unten (qf,v) zu berücksichtigen. Durch das Überfliessen des Gebäudes entsteht eine vertikale Auflast qa, welche zusätzlich zur natürlich abgelagerten Schneelast qn für das Dach zu berücksichtigen ist. Zudem sind die Wände und das Dach der Reibung qf,r ausgesetzt. Der Anprall von Feststoffen (Baumstämme oder Gesteinsblöcke) ist als statischer Ersatzdruck zu berücksichtigen.

Gefährdungsbild Fliesslawine prallt auf ein Bauwerk und überfliesst es

Gefährdungsbild 3: Fliesslawine umfliesst Bauwerk Ablenkmassnahmen (Spaltkeil)

Dieser Sonderfall des Gefährdungsbildes 1 ist vergleichbar mit der Lawineneinwirkung auf Leitmauern und -dämme. Auf den Spaltkeil wirken Drücke qfn,b infolge Ablenkung der Lawine und Reibung qfr,b. Die Drücke sind in Funktion des Ablenkwinkels b reduziert. Der Ablenkwinkel b soll in der Regel 30° nicht überschreiten, da die Lawine sonst wie bei einem Anprall auf das Gebäude trifft (Gefährdungsbild 1). Die Höhe des Spaltkeils ist so zu wählen, dass kein Überfliessen stattfindet.

Bemessungssituation 2: Fliesslawine umfliesst das Bauwerk dank Ablenkwirkung eines Spaltkeils

Gefährdungsbild 4: Fliesslawine überfliesst Bauwerk, das in das Terrain eingepasst ist (Ebenhöch)

Auf das Dach wirken Normalkräfte und Schubkräfte. Dieses Gefährdungsbild entspricht der Einwirkungsart, wie sie bei Lawinengalerien auftritt. Für die Bemessung gilt sinngemäss Fall 2 der Richtlinie «Einwirkungen infolge Lawinen auf Schutzgalerien» (Richtlinie ASTRA/SBB, 2007). Die Einwirkung setzt sich aus der natürlich abgelagerten Schneedecke, dem bewegten Lawinenschnee und allenfalls aus der Umlenkung der Lawine zusammen, wenn die Distanz zwischen Gefällsbruch und Dach des Ebenhöchs kleiner als die sechsfache Fliesshöhe hf ist. Das Dach des Ebenhöchs sollte nicht in diesen Bereich der erhöhten Umlenkkraft fallen. Die Belastung erfolgt in Form von normal und tangential (Reibung) angreifenden Kräften. Für die Seitenwände und allfällige schräg angeströmten Wände sind ein um den entsprechenden Zufliesswinkel α reduzierter Druck und die Reibung zu berücksichtigen.

Bemessungssituation 4: Fliesslawine überfliesst ein in das Terrain eingepasstes, als Ebenhöch ausgebildetes Gebäude

Gefährdungsbild 5: Staublawine prallt auf Bauwerk

Die Einwirkung einer Staublawine auf ein Gebäude ist vergleichbar mit der Einwirkung durch Wind. Die Staudrücke der Suspensionsschicht qsusp und der Saltationsschicht qsalt wirken auf die lawinenseitige Aussenwand. Auf das Dach, die Rückwand und die Seitenwände wirken Sog- und Druckkräfte, die gemäss Norm SIA 261 (Kapitel Wind) zu berechnen sind. Die Staudrücke qsusp nehmen mit der Höhe ab.

Bemessungssituation 3: Staublawine prallt auf Bauwerk

Gefährdungsbild 6: Typische Bemessungssituation bei Schneedruck an Hängen

Die gleitende und kriechende Schneedecke wirkt in Hangrichtung als Schneedruck qnk auf die bergseitige Aussenwand des Gebäudes. Wesentliche Einflussfaktoren sind die Höhe und Dichte der Schneedecke, die Hangneigung und die Exposition sowie die Bodenbedeckung.

Einwirkungen

Stauhöhe der Fliesslawine:

Dies gilt nur, wenn die Objektbreite b viel grösser ist als die Fliesshöhe hf. Der Stauhöhenkoeffizient l hängt von der Beschaffenheit des Lawinenschnees ab:

leichte, trockene Lawinen: l = 1,5 ­

dichte, nasse Lawinen: 2 ≤ λ ≤ 3 ­ 

Druck der Fliesslawine:

Der statische Druck infolge der dynamischen Beanspruchung ist abhängig von der Geschwindigkeit und der Dichte der Fliesslawine, vom Zuflusswinkel sowie von der Form der umflossenen Baute, ausgedrückt durch den Widerstandskoeffizienten cd, sowie der Schneeart.

Für Fliesslawinen und Bauten mit rechteckiger Grundrissfläche gilt allgemein bei trockenem Schnee cd = 2 und bei nassem Schnee cd = 4 bis 6. Als Richtwerte für die Dichte ρf werden bei trockenen Fliesslawinen 0.3 [t/m3] angenommen, bei Nassschneelawinen 0.4 [t/m3]. Beispiel: Auf ein senkrecht zur Lawinenrichtung stehendes, ebenes und grosses Hindernis wird von einer trockenen Fliesslawine mit v = 10 m/s ein Druck von qf = 0.5 * 2 * 0.3 * 100 = 30 kN/m2 ausgeübt.

Bei schräger Anströmung ist für Flächen, welche nicht senkrecht zur Fliessrichtung stehen, ist der Ablenkwinkel α zu berücksichtigen:

Parallel zur Fliessrichtung stehende Seitenwände sind mit einem Lawinendruck und einer spezifischen Reibung zu bemessen, welcher sich bei einer Ablenkung der Schneemassen um a = ± 20° ergibt. Speziell im Auslaufbereich kann sich die Bewegungsrichtung von Lawinen stark verändern, wodurch sich „fingerartige“ Lawinenablagerungen ergeben.

Durch den Anprall auf Wände können vertikal nach oben gerichtete Kräfte entstehen. Diese wirken zum Beispiel auf Dachvorsprünge und Balkonplatten ein:

Druck der Staublawine:

Für Staublawinen können die cd –Werte gemäss SIA-Norm 261 Ziffer 6 (Wind) verwendet werden, wobei der Staudruck des Windes durch den Staublawinendruck zu ersetzen ist. Die grössere Dichte der Staublawine gegenüber derjenigen der Luft erhöht entsprechend den Staudruck. Als Richtwerte für den statischen Staudruck qs (vgl. Gefährdungsbild 5) verwendet man 3-5 kN/m2.

Vertikale Auflast:

Die Auflast des natürlich abgelagerten Schnees (Richtwert Dichte ρn = 0.4 [t/m3]) ist:

Die Auflast des abgelagerten Lawinenschnees (Richtwert Dichte ρa = 0.5 [t/m3]) auf Bauten entspricht beim Gefährdungsbild 2 näherungsweise:

Beim Gefährdungsbild 4 ist die Ablagerungshöhe durch eine Lawinenfachperson zu bestimmen.

Die Auflast der fliessenden Lawine auf Bauten ist:

Bei trockenem Lawinenschnee kann für ρf = 0.3 [t/m3], bei nassem Schnee 0.4 [t/m3] angenommen werden.

Vertikale Umlenkung:

Der statische Druck qu infolge vertikaler Umlenkung (Gefährdungsbild 4) auf Dachbauten (Ebenhöch) ist gemäss der Lawinengalerie Richtlinie (Richtlinie ASTRA, 2007):

Nach dem Geländeknick ist die Umlenkkraft über eine Distanz von 1.5·hf stark erhöht und beträgt 4 qu (siehe Abbildung Ebenhöch).

Reibung:

Die Reibung wird mit Hilfe eines Reibungskoeffizienten μ berücksichtigt. Dieser beträgt:

 

Trocken

Nass

 

μ ­

0.2

0.35

Kontakt: Schnee / Schnee

μ ­

0.25

0.45

Kontakt: Schnee / glatte Oberfläche (z.B. Beton, Gras)

μ ­

0.35

0.55

Kontakt: Schnee / grobe Oberfläche (z.B. Blockschutt) Boden respektive raue Flächen

Die spezifische Reibung parallel zur Fläche qf,r berechnet sich hieraus aus dem Druck senkrecht zur Fläche qf wie folgt:

Anprallkraft von Einzelkomponenten:

Können Baumstämme oder grössere Blöcke von der Lawine mitgerissen werden, so ist zusätzlich zum Druck der Lawine eine Anprallkraft solcher Einzelkomponenten zu berücksichtigen.

Bei Anprall von Blöcken in Lawinen sind in der Regel grosse Tragwerksverformungen zulässig, sodass kleinere statische Ersatzkräfte wie folgt angesetzt werden können:

Statische Ersatzkräfte infolge Anprall von Blöcken in einer Lawine (Beispiele)

Masse m [kg]

Geschwindigkeit vn [m/s]

Energie Etrans [kJ]

statische Ersatzkraft Ak [kN]
(Durchstanzen | Biegung)

100

5

1.2

40 | 10

100

10

5

150 | 38

500

5

6.2

190 | 50

500

10

25

780 | 190

1000

5

12.5

390 | 100

1000

10

50

1500 | 380

Die statische Ersatzkraft eines anprallenden Baumstammes Qe (kN), die gleichzeitig mit dem Lawinendruck qf (N/m2) wirkt, beträgt:

Diese Einzellast ist gleichzeitig wirkend mit der Belastung qf der Fliesslawine anzunehmen. Sie kann an beliebiger Stelle der Fliesshöhe der Lawine auftreten und verteilt sich gleichmässig über die Anprallfläche A.

Statischer Ersatzdruck einer Einzellast (Anprall):

Verhält sich die betroffene Wand nicht duktil sondern spröd (Durchstanzen der Einzellast), so sind entsprechend höhere statische Ersatzkräfte für die Bemessung massgebend (Sturz).

Schneedruck infolge Schneegleitens und -kriechens:

Der statische Druck infolge Schneegleitens und -kriechens beträgt auf eine senkrechte Gebäudewand näherungsweise:

, wobei der Kriechfaktor K = 0,83 * sin2β ­ (bei ρn = 0,4 t/m3)

Die Schneehöhe hn kann für eine Wiederkehrdauer von 100 Jahren gemäss der Richtlinie BAFU/WSL (2007) bestimmt werden. Der berechnete Druck ist gültig für grosse Objektbreiten. Bei schmalen Objekten und im Randbereich von grossen Objekten können erhöhte Randkräfte auftreten. Der Gleitfaktor N ist abhängig vom Bodenbewuchs und der Exposition:

Bodenbedeckung

Exposition WNW-N-ENE

Exposition ENE-S-WNW

Grober Blockschutt / vereinzelte Felsblöcke

1.2

1.3

Geschlossene Gebüschflächen / stark ausgebildete Höcker / grobes Geröll

1.6

1.8

Kurzhalmige Grasnarbe / feines Geröll / schwach ausgebildete Höcker

2.0

2.4

Glatte, langhalmige Grasnarbe / Glatte, anstehende Felsplatten

2.6

3.2

Schadenarten/-ursachen

Tragwerksversagen:

Die Mehrzahl der Schäden entsteht aufgrund von zu schwach dimensionierten Konstruktionen, welche die auftretenden Kräfte nicht genügend aufnehmen können.

Versagen einzelner Bauteile wie Fenster, Türen und Tore:

Oft drückt eine Lawine Fenster, Türen und Tore aus den Zargen, weil die Bänder zu wenig stabil sind, oder es werden ganze Wände eingedrückt.

Schäden an der Dacheindeckung und an Aufbauten:

Beim Überfliessen des Daches reisst die Lawine – und die von ihr mitgeführten Feststoffe – die Dacheindeckung sowie Aufbauten mit.

Schutzmassnahmen

Mit konzeptionellen und verstärkenden Massnahmen lässt sich die Gefährdung von Personen und Sachwerten erheblich reduzieren, beispielsweise indem das Gebäude optimal geschützt in das Gelände eingepasst wird oder durch die Wahl einer geeigneten Gebäudeform und -ausrichtung. Zusätzlichen Schutz erzielen Sie mit ausreichend dimensionierten und dem Gebäude vorgelagerten Schutzmassnahmen, wie Auffang- oder Ablenkmauern beziehungsweise -dämmen und Spaltkeilen. Vermeiden Sie Öffnungen in der lawinenzugewandten Aussenwand und sehen Sie im lawinenzugewandten Bereich nur Räume mit kurzer Aufenthaltsdauer von Personen vor. Aussenwände und Öffnungen bedürfen einer verstärkten Bauweise.

Vorschläge für Schutzmassnahmen zu einzelnen Bauteilen und zum konzeptionellen Vorgehen: Naturgefahren-Check

Literatur
Allgemein

ASTRA (2012): Naturgefahren auf den Nationalstrassen: Risikokonzept. Methodik für eine risikobasierte Beurteilung, Prävention und Bewältigung von gravitativen Naturgefahren auf Nationalstrassen, Bundesamt für Strassen, Bern.

Egli, Th. (2005): Wegleitung Objektschutz gegen gravitative Naturgefahren. Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen, Bern.

PLANAT (2009): Risikokonzept für Naturgefahren. Nationale Plattform Naturgefahren, Bern.

Präventionsstiftung der Kantonalen Gebäudeversicherer (2014): Prevent-Building – eine Methodik und ein Werkzeug zur Beurteilung der Wirksamkeit und Zumutbarkeit von Objektschutzmassnahmen an Gebäuden gegen gravitative und meteorologische Naturgefahren. Bericht Phase 1 mit Anpassungen aus Phase 2. Arbeitsgemeinschaft Prevent-Building: WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF, Egli Engineering AG, Geotest AG, B,S,S,. Volkswirtschaftliche Beratung, Version 12.05.2014. (Download)

Suda J. und Rudolf-Miklau F. (Hrsg.) (2012): Bauen und Naturgefahren, Handbuch für konstruktiven Gebäudeschutz. Springer, Wien.

Staub, B. (2017): Gebäudeschutz gegen Naturgefahren. FAN Agenda 2/2017. Fachleute Naturgefahren Schweiz. (Download)

Lawinen

ASTRA (2007): Richtlinie Einwirkungen infolge Lawinen auf Schutzgalerien. Bundesamt für Strassen ASTRA in Zusammenarbeit mit SBB AG Infrastruktur, Bern.

BFF (1984): Richtlinien zur Berücksichtigung der Lawinengefahr bei raumwirksamen Tätigkeiten. Bundesamt für Forstwesen / Eidg. Institut für Schnee- und Lawinenforschung, EDMZ, Bern.

GVA (1994): Vorschriften für bauliche Massnahmen an Bauten in der blauen Lawinenzone. Gebäudeversicherungsanstalt des Kantons Graubünden.

Leuenberger, F. (2003): Bauanleitung Gleitschneeschutz und temporärer Stützverbau, Eidg. Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF, Davos.

Margreth, S. (2007): Lawinenverbau im Anbruchgebiet. Technische Richtlinie als Vollzugshilfe. Umwelt-Vollzug Nr. 0704. Bundesamt für Umwelt BAFU, Bern, WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF, Davos.

Margreth, S. (2016): Ausscheiden von Schneegleiten und Schneedruck in Gefahrenkarten. WSL Berichte, Heft 47.

Rudolf-Miklau, F. und Sauermoser, S. (Hrsg.), 2011: Handbuch Technischer Lawinenschutz. Ernst & Sohn GmbH & Co. KG. Berlin. 464 S.

Salm, B et al. (1990): Berechnung von Fliesslawinen. Eine Anleitung für Praktiker mit Beispielen, Mitteilung Nr. 47, Eidg. Institut für Schnee- und Lawinenforschung, Davos.

Margreth, S., Stoffel, L., Schaer, M. (2015): Berücksichtigung der Lawinen- und Schneedruckgefährdung bei Seilbahnen. Ein Leitfaden für die Praxis. WSL Berichte 28.

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