Lawinen

Verstärkte Rückwand, Spaltkeile im Hintergrund (Bildquelle: GVG)

Grundlagen

Lawinen können ganze Wälder und auch massiv gebaute Infrastruktur mitreissen oder beschädigen. Im Anriss- und Transitgebiet (Sturzbahn) gewinnt die Lawine an Geschwindigkeit und auch an Masse und Volumen, bis sie im Ablagerungsgebiet zum Stillstand kommt. Gebäude stehen in der Regel eher im Auslaufbereich von Lawinen, wo die Fliessgeschwindigkeiten durch das abflachende Terrain und die seitliche Ausbreitung geringer sind. Doch selbst bei geringen Fliesshöhen von wenigen Metern haben Lawinen noch immer eine immense Zerstörungskraft, besonders wenn sie zusätzlich Feststoffe wie Baumstämme mitführen. Der Umgang mit Lawinen hat im Bergland Schweiz eine lange Tradition und massgeblich zur Entwicklung der ersten Gefahrenkarten und zu einem risikogerechten Umgang mit Naturgefahren beigetragen.

Der Wirkungsbereich von Lawinen lässt sich eingrenzen: räumlich durch das Gelände und Schutzbauwerke, zeitlich aufgrund der Schnee- und Wettersituation (Lawinenbulletin SLF). Zum Schutz von Personen, Verkehrswegen und Gebäuden ist deshalb eine Kombination aus raumplanerischen, baulichen und organisatorischen Massnahmen besonders wirksam.

Empfohlenes Schutzziel: Das Gebäude bleibt bis zum 300-jährlichen Ereignis intakt und schützt die sich darin befindenden Personen.

Fachbegriffe

Lawinen werden aufgrund der Form ihres Anrisses, ihrer Bewegung und der Schneeeigenschaften unterschieden. Von einem Punkt ausgehende Lawinen werden als Lockerschneelawinen bezeichnet und lösen sich meist erst ab ca. 40° Hangneigung. Am häufigsten und bereits in Hängen ab ca. 30° Neigung treten Schneebrettlawinen auf, welche durch einen linienförmigen Anriss und ein sehr plötzliches Losbrechen auf einer klar definierten Gleitschicht charakterisiert sind. Befindet sich diese Gleitschicht direkt an der Bodenoberfläche, so spricht man auch von Boden- oder Grundlawinen. Für die Bemessung von Schutzmassnahmen besonders relevant ist der Bewegungsmechanismus, mit dem die Schnee- und Eismassen ins Tal gleiten, fallen oder stürzen. Zudem sind Kenntnisse zur Zusammensetzung und der Dichte erforderlich. Dabei wird zwischen Fliesslawinen und Staublawinen unterschieden, wobei es auch Mischformen gibt.

Fliesslawinen bewegen sich primär fliessend oder gleitend auf der Unterlage (Schneeschicht oder Bodenoberfläche) und bleiben während der Bewegung mit dem Boden direkt in Kontakt. Fliesslawinen erreichen maximale Geschwindigkeiten von bis zu 40 m/s und haben eine typische Dichte von 200‑300 kg/m3. Bei Nassschneelawinen liegen die Geschwindigkeiten zwischen 10 und 20 m/s, die Dichte um 300-500 kg/m3. Im Auslaufbereich haben Fliesslawinen eine typische Fliesshöhe von 2-10 m und Geschwindigkeiten unter 10 m/s. Die dadurch entstehenden Staudrücke können Gebäude zerstören.

Staublawinen entwickeln sich immer aus Fliesslawinen. Sie bestehen aus einer aufgewirbelten, trockenen Schneewolke, die sich mit 20 bis 80 m/s stiebend durch die Luft bewegt. Reine Staublawinen ohne Fliessanteil entstehen, wenn die Fliesslawine beim steilen Absturz vollständig suspendiert wird oder wenn sich der Fliess- und der Staubanteil aufgrund der Geländeverhältnisse trennen. Ihre Dichte ist viel geringer (5-10 kg/m3) und die Fliesshöhe grösser als bei der Fliesslawine. Selbst bei Gegengefälle können Staublawinen noch auf grossen Strecken Schaden anrichten. Der erzeugte Staudruck vermag Bäume und Leitungsmasten zu knicken und Fenster und Dächer von Gebäuden schwer zu beschädigen. An der Gebäudefassade bleibt der angepresste Schneestaub sichtbar. Staublawinen erreichen im Auslaufbereich oft Fliesshöhen von mehr als 50 m. In den untersten 5 m führen sie zum Teil Schneebrocken mit. In dieser sogenannten Saltationsschicht treten ähnliche Kräfte auf wie in einer Fliesslawine, darüber sind sie deutlich geringer. Jede grössere Lawine kann Feststoffe mit sich führen, oft Holz, Geröll oder andere mitgerissene Objekte.

Schneegleiten (oft auch „Gleitschnee“ genannt) ist ein weiteres lawinenähnliches Phänomen, bei dem die gesamte Schneedecke langsam und kontinuierlich auf dem Untergrund talwärts gleitet und kriecht. Schneegleiten kann bereits ab 15° Hangneigung auftreten, besonders an stark besonnten Böschungen mit geringer Bodenrauigkeit. Eine grössere Hangneigung, vernässter Untergrund, grosse Schneehöhen und langanhaltende Wärmeperioden verstärken die Kriech- und Gleitbewegungen. Typisch für hohe Schneegleitaktivität ist ein sichelförmiges Aufreissen der Schneedecke (sog. „Fischmaul“) sowie ein Stauchwall am Hangfuss. Eine abgleitende Schneedecke kann grosse Druck- und Scherkräfte auf Hindernisse ausüben.

Weitere Fachbegriffe:

Die Schneehöhe beschreibt die Höhe der Schneedecke.

Die Fliesshöhe entspricht der Höhe, mit der sich die Lawine bewegt.

Die Stauhöhe gibt an, wie hoch der Schnee beim Anprall der Lawine steht (Aufstau an Hindernis).

Die Dichte (Raumlast) von Schnee ist innerhalb der Schneedecke unterschiedlich und nimmt in der Regel mit der Liegedauer zu (Altschnee hat eine 2-5 Mal höhere Dichte als trockener Neuschnee).

Der Staudruck (dynamischer Druck) entspricht der Erhöhung des Druckes an der angeströmten Fläche eines Hindernisses.

Als Ebenhöch werden Gebäude genannt, deren Dach bergseits nahtlos ans Terrain oder an eine Anschüttung anschliesst.

Ebenhöch
Als Ebenhöch ausgestaltetes Gebäude (Bildquelle: GVG)

Intensitätsparameter zur Bemessung

Fliess- und Staublawinen können mit Lawinenmodellen simuliert werden. Heute stehen dem Praktiker ein- und zweidimensionale Lawinenberechnungsmodelle zur Verfügung. Zur Bemessung von Gebäudeschutzmassnahmen bedarf es Angaben zur Fliesshöhe, Fliessrichtung, Geschwindigkeit, Dichte und Einzellasten der Lawine. Als Alternative zur Geschwindigkeit und Dichte kann der Druck und die Fliesshöhe auf ein senkrecht zur Lawinenrichtung stehendes, ebenes und grosses Hindernis zur Bemessung verwendet werden.

Bei Staublawinen genügt als Bemessungskriterium ein Richtwert bezüglich des zu erwartenden Staudruckes. Diese Angaben können aus den Intensitätskarten und dem technischen Bericht abgeleitet werden. Existieren keine Intensitätsangaben, sind diese durch eine Lawinenfachperson zu bestimmen.

Intensität von Fliess- und Staublawinen in Gefahrenzonen
Lawinendrücke und Druckverteilung in Bezug auf rote, blaue und gelbe Gefahrenzonen
Druckverteilung von Fliess- und Staublawinen in Gefahrenzonen
Lawinendrücke und Druckverteilung in Bezug auf rote, blaue und gelbe Gefahrenzonen

Ausgangsgrössen

Bezeichnungen

hn [m] natürlich abgelagerte Schneehöhe
hf [m] Fliesshöhe der Fliesslawine
hs [m] Fliesshöhe der Staublawine
hstau [m] Stauhöhe der Fliesslawine
vf [m/s] Geschwindigkeit der Fliesslawine
vs [m/s] Geschwindigkeit der Staublawine
g [m/s2] Erdbeschleunigung (10 m/s2)
lh [m] Dicke der Stahlbetonwand
ls [m] Spannweite der Stahlbetonwand
ρn [t/m3] Dichte des natürlich abgelagerten Schnees
ρa [t/m3] Dichte des abgelagerten Lawinenschnees
ρf [t/m3] Dichte der Fliesslawine
ρs [t/m3] Dichte der Staublawine
hg [m] Gebäudehöhe
b [m] Gebäudebreite
m [t] Masse einer Einzellast
α [°] Ablenkwinkel (Zufliesswinkel)
β [°] Hangneigung
γ [°] Öffnungswinkel des Spaltkeils
δ [°] vertikaler Umlenkwinkel bei Ebenhöch
lu [m] Umlenkstrecke bei Ebenhöch
qn [kN/m2] Auflast des natürlich abgelagerten Schnees
qf [kN/m2] Druck der Fliesslawine
qs [kN/m2] Druck der Staublawine
qf,α [kN/m2] Druck bei schräger Anströmung
qf,v [kN/m2] Druck auf vorspringende Gebäudeteile
qa [kN/m2] Auflast des abgelagerten Lawinenschnees
qaf [kN/m2] Auflast der fliessenden Lawine
qu [kN/m2] Druck der vertikalen Umlenkung bei Ebenhöch
qk [kN/m2] Druck infolge Schneegleiten und -kriechen
qf,r [kN/m2] Spezifische Reibung
qe [kN/m2] statischer Ersatzdruck einer Einzellast (Anprall)
qh [kN/m2] horizontaler Ruhedruck
cd ­ Widerstandskoeffizient
μ ­ Reibungskoeffizient
λ ­ Stauhöhenkoeffizient
A [m2] Anprallfläche einer Einzellast
N ­ Gleitfaktor
K ­ Kriechfaktor
Qe [kN] Statische Ersatzkraft einer Einzellast (Anprall)
Lawinen

Gefährdungsbilder

Gefährdungsbild 1: Fliesslawine umfliesst Gebäude

Die Fliesslawine prallt an die Stirnseite eines Gebäudes und umfliesst es. Durch den Anprall entsteht eine Stauhöhe hstau, welche zusammen mit der Fliesshöhe hf und der natürlich abgelagerten Schneehöhe hn die Gebäudehöhe nicht überragt. Auf die Dachkonstruktion wird daher keine direkte Einwirkung ausgeübt. Der Druck qf auf der Gebäudeaussenseite stellt die Haupteinwirkung dar. Diese wird durch die Gebäudeform, die Schneedichte und die Lawinengeschwindigkeit beeinflusst. Die Lawinengeschwindigkeit wird über die gesamte Fliesshöhe als konstant angenommen. Für die Seitenwände und alle schräg angeströmten Wände ist ein um den entsprechenden Zufliesswinkel α reduzierter Druck zu berücksichtigen. Zusätzlich wirken Reibungskräfte (qf,r) auf diese Wände. Der Anprall von Feststoffen (Baumstämme oder Gesteinsblöcke) ist als statischer Ersatzdruck qe zu berücksichtigen.

Gefährdungsbild 2: Fliesslawine überfliesst Gebäude

Die Wirkungshöhe der Lawine (Schneehöhe hn, Fliesshöhe hf und Stauhöhe hstau) ist grösser als die Gebäudehöhe hg. Es sind sowohl Drücke qf auf die Wände als auch auf vorspringende Dachbereiche von unten (qf,v) zu berücksichtigen. Durch das Überfliessen des Gebäudes entsteht eine vertikale Auflast qa, welche zusätzlich zur natürlich abgelagerten Schneelast qn für das Dach zu berücksichtigen ist. Zudem sind die Wände und das Dach der Reibung qf,r ausgesetzt. Der Anprall von Feststoffen (Baumstämme oder Gesteinsblöcke) ist als statischer Ersatzdruck qe zu berücksichtigen.

Gefährdungsbild 3: Fliesslawine umfliesst Gebäude mit Spaltkeil

Dieser Sonderfall des Gefährdungsbildes 1 ist vergleichbar mit der Lawineneinwirkung auf Leitmauern und -dämme. Auf den Spaltkeil wirken Drücke infolge Umfliessen und Reibung, durch den Ablenkwinkel a reduziert sich der Druck qf auf qf,a. Der Ablenkwinkel α darf allerdings höchstens 30° betragen, da die Lawine sonst wie bei einem Anprall auf das Gebäude trifft (Gefährdungsbild 1). Zudem muss der Spaltkeil ausreichend hoch sein, damit er nicht überflossen werden kann (Gefährdungsbild 2).

Gefährdungsbild 4: Fliesslawine überfliesst Gebäude mit Ebenhöch

Dies ist ein Sonderfall des Gefährdungsbildes 2, übertragbar Lawinengalerien (Richtlinie ASTRA, 2007). Auf das ebenerdig angeordnete Dach wirken die Auflast der fliessenden resp. abgelagerten Lawine qa und des natürlich abgelagerten Schnees qn. Besteht oberhalb des Ebenhöchs ein Geländeknick, wirkt über eine Distanz der 1.5-fachen Fliesshöhe hf zusätzlich eine Auflast infolge Umlenkung qu. Das Dach des Ebenhöchs sollte nicht in diesen Bereich der erhöhten Umlenkkraft fallen. Die Belastung erfolgt in Form von normal und tangential (Reibung) angreifenden Kräften. Für die Seitenwände und allfällige schräg angeströmten Wände ist ein um den entsprechenden Zufliesswinkel α reduzierter Druck und die Reibung zu berücksichtigen.

 

 

Gefährdungsbild 5: Staublawine wirkt auf Gebäude ein

Die Einwirkung einer Staublawine auf ein Gebäude ist vergleichbar mit der Einwirkung durch Wind. Es gelten daher dieselben Ansätze wie nach SIA-Norm 261 Ziffer 6 (Wind).

Gefährdungsbild 6: Schneedruck wirkt auf Gebäude ein

Das Schneegleiten und -kriechen übt Druck auf die betroffenen Gebäudeaussenseiten aus. Wesentliche Einflussfaktoren sind die Höhe und Dichte der Schneedecke, die Hangneigung und die Exposition sowie die Bodenbedeckung.

Einwirkungen

Stauhöhe der Fliesslawine:

`h_("stau") = v^2/(2*g*lambda) [m]`

Dies gilt nur, wenn die Objektbreite b viel grösser ist als die Fliesshöhe hf. Der Stauhöhenkoeffizient l hängt von der Beschaffenheit des Lawinenschnees ab:

leichte, trockene Lawinen: l = 1,5 ­

dichte, nasse Lawinen: 2 ≤ λ ≤ 3 ­ 

Druck der Fliesslawine:

Der statische Druck infolge der dynamischen Beanspruchung ist abhängig von der Geschwindigkeit und der Dichte der Fliesslawine, vom Zuflusswinkel sowie von der Form der umflossenen Baute, ausgedrückt durch den Widerstandskoeffizienten cd, sowie der Schneeart.

`q_f = 0.5*c_d*rho_f*v^2 [(kN)/m^2]`

Für Fliesslawinen und Bauten mit rechteckiger Grundrissfläche gilt allgemein bei trockenem Schnee cd = 2 und bei nassem Schnee cd = 4 bis 6. Als Richtwerte für die Dichte ρf werden bei trockenen Fliesslawinen 0.3 [t/m3] angenommen, bei Nassschneelawinen 0.4 [t/m3]. Beispiel: Auf ein senkrecht zur Lawinenrichtung stehendes, ebenes und grosses Hindernis wird von einer trockenen Fliesslawine mit v = 10 m/s ein Druck von qf = 0.5 * 2 * 0.3 * 100 = 30 kN/m2 ausgeübt.

Bei schräger Anströmung ist für Flächen, welche nicht senkrecht zur Fliessrichtung stehen, ist der Ablenkwinkel α zu berücksichtigen:

`q_(f,a) = q_f*sin^2alpha [(kN)/m^2]`

Parallel zur Fliessrichtung stehende Seitenwände sind mit einem Lawinendruck und einer spezifischen Reibung zu bemessen, welcher sich bei einer Ablenkung der Schneemassen um a = ± 20° ergibt. Speziell im Auslaufbereich kann sich die Bewegungsrichtung von Lawinen stark verändern, wodurch sich „fingerartige“ Lawinenablagerungen ergeben.

((evtl. Bild: „Fingerartige“ Lawinenablagerung um Gebäude, z.B. von Wilerbachlawine Blitzingen im Obergoms oder Holderliloui Guttannen im 1999))

Durch den Anprall auf Wände können vertikal nach oben gerichtete Kräfte entstehen. Diese wirken zum Beispiel auf Dachvorsprünge und Balkonplatten ein:

`q_(f,v) = q_f*0.4 [(kN)/m^2]`

Druck der Staublawine:

Für Staublawinen können die cd –Werte gemäss SIA-Norm 261 Ziffer 6 (Wind) verwendet werden, wobei der Staudruck des Windes durch den Staublawinendruck zu ersetzen ist. Die grössere Dichte der Staublawine gegenüber derjenigen der Luft erhöht entsprechend den Staudruck. Als Richtwerte für den statischen Staudruck qs (vgl. Gefährdungsbild 5) verwendet man 3-5 kN/m2.

Vertikale Auflast:

Die Auflast des natürlich abgelagerten Schnees (Richtwert Dichte ρn = 0.4 [t/m3]) ist:

`q_n = (h_f-h_g)*rho_a*g [(kN)/m^2]`

Die Auflast des abgelagerten Lawinenschnees (Richtwert Dichte ρa = 0.5 [t/m3]) auf Bauten entspricht beim Gefährdungsbild 2 näherungsweise:

`q_a = (h_f-h_g)*rho_a*g [(kN)/m^2]`

Beim Gefährdungsbild 4 ist die Ablagerungshöhe durch eine Lawinenfachperson zu bestimmen.

Die Auflast der fliessenden Lawine auf Bauten ist:

`q_(a,f) = h_f*rho_f*g [(kN)/m^2]`

Bei trockenem Lawinenschnee kann für ρf = 0.3 [t/m3], bei nassem Schnee 0.4 [t/m3] angenommen werden.

Vertikale Umlenkung:

Der statische Druck qu infolge vertikaler Umlenkung (Gefährdungsbild 4) auf Dachbauten (Ebenhöch) ist gemäss der Lawinengalerie Richtlinie (Richtlinie ASTRA, 2007):

`q_u = (rho_f*h_f*v_f^2"sindelta)/(6*h_f*g) [(kN)/m^2]`

Nach dem Geländeknick ist die Umlenkkraft über eine Distanz von 1.5·hf stark erhöht und beträgt 4 qu (siehe Abbildung Ebenhöch).

Reibung:

Die Reibung wird mit Hilfe eines Reibungskoeffizienten μ berücksichtigt. Dieser beträgt:

 

Trocken

Nass

 

μ ­

0.2

0.35

Kontakt: Schnee / Schnee

μ ­

0.25

0.45

Kontakt: Schnee / glatte Oberfläche (z.B. Beton, Gras)

μ ­

0.35

0.55

Kontakt: Schnee / grobe Oberfläche (z.B. Blockschutt) Boden respektive raue Flächen

Die spezifische Reibung parallel zur Fläche qf,r berechnet sich hieraus aus dem Druck senkrecht zur Fläche qf wie folgt:

`q_(f,r) = mu*q_f [(kN)/m^2]`

Anprallkraft von Einzelkomponenten:

Können Baumstämme oder grössere Blöcke von der Lawine mitgerissen werden, so ist zusätzlich zum Druck der Lawine eine Anprallkraft solcher Einzelkomponenten zu berücksichtigen (Rutschung/Sturz).

Bei Anprall von Blöcken in Lawinen sind in der Regel grosse Tragwerksverformungen zulässig, sodass kleinere statische Ersatzkräfte wie folgt angesetzt werden können:

Statische Ersatzkräfte infolge Anprall von Blöcken in einer Lawine

Masse m [kg] Geschwindigkeit v [m/s]

Energie E [kJ]

statische Ersatzkraft Qe [kN]
(Durchstanzen | Biegung)

100

5

1.25

39 | 10

100

10

5

156 | 38

500

5

6.25

194 | 48

500

10

25

778 | 192

1000

5

12.5

389 | 96

1000

10

50

1556 | 384

Die statische Ersatzkraft eines anprallenden Baumstammes Qe (kN), die gleichzeitig mit dem Lawinendruck qf (N/m2) wirkt, beträgt:

`Q_e = q_f / 300 [kN]`

Diese Einzellast ist gleichzeitig wirkend mit der Belastung qf der Fliesslawine anzunehmen. Sie kann an beliebiger Stelle der Fliesshöhe der Lawine auftreten und verteilt sich gleichmässig über die Anprallfläche A.

Statischer Ersatzdruck einer Einzellast (Anprall):

`q_e = Q_e/A [(kN)/m^2]`

Verhält sich die betroffene Wand nicht duktil sondern spröd (Durchstanzen der Einzellast), so sind entsprechend höhere statische Ersatzkräfte für die Bemessung massgebend (Sturz).

Schneedruck infolge Schneegleitens und -kriechens:

Der statische Druck infolge Schneegleitens und -kriechens beträgt auf eine senkrechte Gebäudewand näherungsweise:

`q_k = rho_n*g*K*N*h_n*0.5/cosbeta [(kN)/m^2]`

, wobei der Kriechfaktor K = 0,83 * sin2β ­ (bei ρn = 0,4 t/m3)

Die Schneehöhe hn kann für eine Wiederkehrdauer von 100 Jahren gemäss der Richtlinie BAFU/WSL (2007) bestimmt werden. Der berechnete Druck ist gültig für grosse Objektbreiten. Bei schmalen Objekten und im Randbereich von grossen Objekten können erhöhte Randkräfte auftreten. Der Gleitfaktor N ist abhängig vom Bodenbewuchs und der Exposition:

Bodenbedeckung

Exposition WNW-N-ENE

Exposition ENE-S-WNW

Grober Blockschutt / vereinzelte Felsblöcke

1.2

1.3

Geschlossene Gebüschflächen / stark ausgebildete Höcker / grobes Geröll

1.6

1.8

Kurzhalmige Grasnarbe / feines Geröll / schwach ausgebildete Höcker

2.0

2.4

Glatte, langhalmige Grasnarbe / Glatte, anstehende Felsplatten

2.6

3.2

Schadenarten/-ursachen

Tragwerksversagen:

Die Mehrzahl der Schäden entsteht aufgrund von zu schwach dimensionierten Konstruktionen, welche die auftretenden Kräfte nicht genügend aufnehmen können.

Versagen einzelner Bauteile wie Fenster, Türen und Tore:

Oft drückt eine Lawine Fenster, Türen und Tore aus den Zargen, weil die Bänder zu wenig stabil sind, oder es werden ganze Wände eingedrückt.

Schäden an der Dacheindeckung und an Aufbauten:

Beim Überfliessen des Daches reisst die Lawine – und die von ihr mitgeführten Feststoffe – die Dacheindeckung sowie Aufbauten mit.

Schutzmassnahmen

Mit konzeptionellen und verstärkenden Massnahmen lässt sich die Gefährdung von Personen und Sachwerten erheblich reduzieren, beispielsweise indem das Gebäude optimal geschützt in das Gelände eingepasst wird oder durch die Wahl einer geeigneten Gebäudeform und -ausrichtung. Zusätzlichen Schutz erzielen Sie mit ausreichend dimensionierten und dem Gebäude vorgelagerten Schutzmassnahmen, wie Dämmen und Spaltkeilen. Vermeiden Sie Öffnungen in der lawinenzugewandten Aussenwand und sehen Sie im lawinenzugewandten Bereich nur Räume mit kurzer Aufenthaltsdauer von Personen vor. Aussenwände und Öffnungen bedürfen einer verstärkten Bauweise.

Vorschläge für Schutzmassnahmen zu einzelnen Bauteilen und zum konzeptionellen Vorgehen: Gebäudeschutz.

Normen und Richtlinien

Allgemeine Bau- und Tragwerksnormen

Allgemein

SIA 480 (2016): Wirtschaftlichkeitsrechnung für Investitionen im Hochbau. Schweizerischer Ingenieur- und Architekten-Verein, Zürich.

 

Tragwerksnormen

SIA 260 (2013): Grundlagen der Projektierung von Tragwerken. Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein, Zürich.

SIA 261 (2014): Einwirkungen auf Tragwerken. Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein, Zürich.

SIA 261/1 (2003): Einwirkungen auf Tragwerke – Ergänzende Festlegungen. Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein. Zürich.

SIA 267 (2013): Geotechnik. Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein, Zürich.

SIA 267/1 (2013): Geotechnik - Ergänzende Festlegungen. Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein, Zürich.

SIA 269 (2011): Grundlagen der Erhaltung von Tragwerken. Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein, Zürich.

SIA 269/1 (2011): Erhaltung von Tragwerken - Einwirkungen. Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein, Zürich

SIA 465 (1998): Sicherheit von Bauten und Anlagen. Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein, Zürich.

SIA 469 (1997): Erhaltung von Bauwerken. Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein, Zürich.

 

Bauproduktenormen mit Anforderungen betreffend Lawinen (Auswahl)

Aussenwandsysteme

ÖNORM B 1300 (2012): Objektsicherheitsprüfungen für Wohngebäude – Regelmässige Prüfroutinen im Rahmen von Sichtkontrollen und zerstörungsfreien Begutachtungen, Grundlagen und Checklisten

 

Türen, Fenster, äussere Abschlüsse

SIA 331 (2012): Fenster und Fenstertüren. Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein, Zürich.

SIA 343 (2014): Türen und Tore. Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein, Zürich.

SIA 343.061 (1999): Türblätter – Ermittlung der Widerstandsfähigkeit gegen harten Stoss. (SN EN 950). Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein, Zürich.

 

Dach- und Fassadenbekleidungsprodukte

SIA 329 (2012): Vorhangfassaden. Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein, Zürich.

 

Technische Richtlinien (Auswahl)

Allgemein

HEV (2016): Paritätische Lebensdauertabelle. Hauseigentümerverband Schweiz / Schweizerischer Mieterinnen und Mieterverband. (Online-Tool)

SVGW (2010): Richtlinie für Gasleitungen. Richtlinie G2. Schweizerischer Verein des Gas- und Wasserfaches, Zürich.

SVGW (2013): Richtlinie für Wasserverteilung. Richtlinie W4 - Planung, Projektierung sowie Bau, Betrieb und Unterhalt von Trinkwasserversorgungssystemen ausserhalb von Gebäuden. Schweizerischer Verein des Gas- und Wasserfaches, Zürich.

 

Entwässerung

Suissetec (2016): Richtlinie „Dachentwässerung“ . Schweizerisch-Liechtensteinischer Gebäudetechnikverband, Suissetec. (auch als Web-App erhältlich)

Suissetec/VSA (2012): SN 592000:2012: Anlagen für die Liegenschaftsentwässerung – Planung und Ausführung.

VSA (1996): Planung der Liegenschaftsentwässerung. Informationsforum der VSA Fachgruppe „Liegenschaftsentwässerung“, Olten.

VSA (2002): Regenwasserentsorgung: Richtlinie zur Versickerung, Retention und Ableitung von Niederschlagswasser in Siedlungsgebieten. Verband Schweizer Abwasser- und Gewässerschutzfachleute, Zürich. (Update 2008 zur Richtlinie)

 

Glas

SIGaB (2007): Sicherheit mit Glas. Dokumentation, Schweizerisches Institut für Glas am Bau, Schlieren.

 

Holz

Lignum (2012): Holzbautabellen – Handbuch für die Bemessung. Lignum, Zürich. (Lignum-"Holzbautabellen 2" online)

Lignum (1999): Fassadenverkleidungen aus unbehandeltem Holz. Lignatec Nr. 8, ISSN 1421-0320, Zürich

Literatur

Allgemein

ASTRA (2012): Naturgefahren auf den Nationalstrassen: Risikokonzept. Methodik für eine risikobasierte Beurteilung, Prävention und Bewältigung von gravitativen Naturgefahren auf Nationalstrassen, Bundesamt für Strassen, Bern.

Egli, Th. (2005): Wegleitung Objektschutz gegen gravitative Naturgefahren. Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen, Bern.

PLANAT (2009): Risikokonzept für Naturgefahren. Nationale Plattform Naturgefahren, Bern.

Präventionsstiftung der Kantonalen Gebäudeversicherer (2014): Prevent-Building – eine Methodik und ein Werkzeug zur Beurteilung der Wirksamkeit und Zumutbarkeit von Objektschutzmassnahmen an Gebäuden gegen gravitative und meteorologische Naturgefahren. Bericht Phase 1 mit Anpassungen aus Phase 2. Arbeitsgemeinschaft Prevent-Building: WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF, Egli Engineering AG, Geotest AG, B,S,S,. Volkswirtschaftliche Beratung, Version 12.05.2014. (Download)

Suda J. und Rudolf-Miklau F. (Hrsg.) (2012): Bauen und Naturgefahren, Handbuch für konstruktiven Gebäudeschutz. Springer, Wien.

Staub, B. (2017): Gebäudeschutz gegen Naturgefahren. FAN Agenda 2/2017. Fachleute Naturgefahren Schweiz. (Download)

Lawinen

ASTRA (2007): Richtlinie Einwirkungen infolge Lawinen auf Schutzgalerien. Bundesamt für Strassen ASTRA in Zusammenarbeit mit SBB AG Infrastruktur, Bern.

BFF (1984): Richtlinien zur Berücksichtigung der Lawinengefahr bei raumwirksamen Tätigkeiten. Bundesamt für Forstwesen / Eidg. Institut für Schnee- und Lawinenforschung, EDMZ, Bern.

GVA (1994): Vorschriften für bauliche Massnahmen an Bauten in der blauen Lawinenzone. Gebäudeversicherungsanstalt des Kantons Graubünden.

Leuenberger, F. (2003): Bauanleitung Gleitschneeschutz und temporärer Stützverbau, Eidg. Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF, Davos.

Margreth, S. (2007): Lawinenverbau im Anbruchgebiet. Technische Richtlinie als Vollzugshilfe. Umwelt-Vollzug Nr. 0704. Bundesamt für Umwelt BAFU, Bern, WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF, Davos.

Margreth, S. (2016): Ausscheiden von Schneegleiten und Schneedruck in Gefahrenkarten. WSL Berichte, Heft 47.

Rudolf-Miklau, F. und Sauermoser, S. (Hrsg.), 2011: Handbuch Technischer Lawinenschutz. Ernst & Sohn GmbH & Co. KG. Berlin. 464 S.

Salm, B et al. (1990): Berechnung von Fliesslawinen. Eine Anleitung für Praktiker mit Beispielen, Mitteilung Nr. 47, Eidg. Institut für Schnee- und Lawinenforschung, Davos.